Im Newsletter des IVM vom Juni 2025 wurde die Telebegutachtung bereits vorgestellt. Nach drei Jahren Erfahrung können nun die Möglichkeiten und Grenzen der Telebegutachtung valide eingeschätzt werden:

Bei der Telebegutachtung handelt es sich um eine spezielle Begutachtungsform unter Nutzung einer Internet-basierten Kommunikationsplattform, die von einem Dienstleister zur Verfügung gestellt wird. Sie ist vergleichbar mit einer Videosprechstunde im klinischen Kontext.

Diese Begutachtungen werden im IVM seit März 2023 regelmäßig durchgeführt. Die Einführungsphase ist nun abgeschlossen. Die Telebegutachtung ist zu einem festen Bestandteil des Angebots des IVM geworden.

Anwendungsbereiche der Telebegutachtung

Seit März 2023 wurde eine Vielzahl von Telebegutachtungen durchgeführt, wobei Begutachtungen im Rahmen der privaten Krankentagegeldversicherung den weitaus größten Teil ausmachten.

Bei der Begutachtung für die Krankentagegeldversicherung handelt es sich um eine klinische Begutachtung, bei der Plausibilitätskriterien im Vordergrund stehen. Vielfach können den Versicherten Hinweise zur Therapie gegeben werden. Immer wieder lassen sich auch Hindernisse bei der Arbeitsaufnahme ausräumen. Die Empfehlung zu einem BEM-Gespräch (BEM = Betriebliches Eingliederungsmanagement) kann den beruflichen Wiedereinstieg ebnen.

Bei langfristiger Arbeitsunfähigkeit kann die Feststellung der Berufsunfähigkeit zugleich Anregungen für die Stellung eines Rentenantrages geben. Damit wird die Krankentagegeldversicherung zugleich auf ihren Versicherungszweck fokussiert. Ist der Proband auch gegen Berufsunfähigkeit versichert, kann die Telebegutachtung bei schweren Erkrankungen den Weg für die Gewährung von Leistungen aus der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung ebnen.

Gelegentlich wird auch vom behandelnden Arzt eine Arbeitsunfähigkeit attestiert, obwohl die Voraussetzungen dafür nicht mehr gegeben sind. In diesen Fällen kann der Versicherte durch das ärztliche Gespräch zur Arbeitsaufnahme motiviert werden.

Daneben werden telemedizinische Gutachten für die private Unfallversicherung, die private Berufsunfähigkeitsversicherung und in Einzelfällen für andere Rechtsgebiete (Dienstfähigkeit bei Beamten, Grundfähigkeitsgutachten usw.) durchgeführt.

Hinsichtlich der medizinischen Fachgebiete steht das nervenärztliche Fachgebiet deutlich im Vordergrund. Die übrigen Fälle verteilen sich auf die Gebiete Orthopädie und Unfallchirurgie, Innere Medizin, Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, Ophthalmologie und Onkologie. Immer wieder können auch sozialmedizinische Fragestellungen beantwortet werden. Hierbei handelt es sich am häufigsten um Krebserkrankungen.

Diese Ergebnisse wurden vom Autor während einer Tagung zur medizinischen Begutachtung im Rahmen der privaten Personenversicherung am 16. September 2026 präsentiert.

Bisherige Erfahrungen

Der Ablauf und die zugrunde liegenden Prozesse bei der Telebegutachtung sind inzwischen Routine. Aufgrund der Vielzahl der Interviews konnten auf organisatorischer und medizinischer Seite verschiedene Herausforderungen identifiziert werden.

Dies beginnt bereits mit dem Auftrag: Da im Kontext der Telebegutachtung die Anforderung weiterer Unterlagen ungleich schwieriger ist als in Präsenz, sind die Gutachter auf eine möglichst vollständige Aktenlage und deren Zurverfügungstellung durch die Auftraggeber angewiesen. Hilfreich ist es, im Bedarfsfall konkrete Fragen zu formulieren.

Im Rahmen der Umsetzung liegen die weitaus häufigsten Probleme auf technischer Seite. Die genutzte Webplattform (EXPERTyme) ist zwar prinzipiell Device-unabhängig, d. h., die Probanden können mit PC oder auch einem mobilen Endgerät teilnehmen, sofern dieses über ein Mikrofon und eine Kamera verfügt. Im Einzelfall ist jedoch das Herstellen einer stabilen Verbindung mit Bild und Ton eine häufige Herausforderung und nimmt dann einen nicht unerheblichen Zeitraum in Anspruch.

Auch die Identifikation der Betroffenen stellt sich bisweilen als herausfordernd dar, da ein Personaldokument nur in die Kamera gehalten werden kann.

Anamnese und körperlicher Befund

Hinsichtlich der gutachterlichen Anamneseerhebung ergeben sich keine Besonderheiten im Vergleich zur Präsenzbegutachtung. Die tägliche Erfahrung zeigt, dass die hierfür benötigte Zeit tendenziell eher länger ist als im persönlichen Gespräch.

Eine Herausforderung ist und bleibt jedoch, dass eine körperliche Untersuchung nur sehr eingeschränkt durchführbar ist.

Hieraus ergibt sich, dass Begutachtungen besonders in Fällen, bei denen vor allem die Konsistenz des medizinischen Ablaufs und der Beschwerden im Vergleich zur Aktenlage überprüft werden sollen, wie etwa bei der Begutachtung für die Krankentagegeldversicherung, für Telegutachten besonders gut geeignet sind.

In Fällen, in denen es auf die Feststellung körperlicher Defizite im Einzelnen geht, stößt die Telebegutachtung dagegen an ihre Grenzen. So sind eine vollständige Untersuchung und etwa eine Stabilitätsprüfung von Gelenken schlichtweg nicht möglich. Ein Messblatt kann nicht ausgefüllt werden. Dies spiegelt sich in der Verteilung der Fragestellungen, bei denen die private Krankentagegeldversicherung weit im Vordergrund steht.

Vorteile und Probleme der Telebegutachtung

Der große Vorteil der Telebegutachtung liegt in ihrer Standort-Unabhängigkeit. Außerdem ist es möglich, bei spezifischen Fragestellungen Spezialisten in Kontakt mit den zu Begutachtenden zu bringen. Dies erweist sich besonders im Hinblick auf Zusatzbegutachtungen als wertvoller Vorteil.

Als Herausforderung hat sich allerdings herausgestellt, dass die Anwesenheit weiterer Personen im Raum während der Begutachtung nicht sicher ausgeschlossen werden kann. Die Begutachtung der Probanden ohne Anwesenheit anderer ist insbesondere im psychiatrischen Kontext jedoch grundsätzlich zu fordern.

Entwicklungen

Das IVM ist bemüht, die Telebegutachtung weiterzuentwickeln. So wird derzeit ein Schema zur semiquantitativen Erfassung von Funktionsbeeinträchtigungen der Gelenke entwickelt. So kann z. B. durch Demonstration des Sitzens auf einem Stuhl zumindest die Beugefähigkeit der Hüft- und Kniegelenke eingeschätzt werden. Auch die Demonstration der Armhebung im Schultergelenk ist vor der Kamera problemlos möglich, sodass eine eingeschränkte Darstellung körperlicher Beeinträchtigungen möglich scheint.

Neu: Psychologische Testung im Rahmen der Telebegutachtung

Seit 2026 wurde das Portfolio der Telebegutachtung durch ein weiteres Fachgebiet ergänzt; es wurden auch psychologische Testungen im Sinne einer telemedizinischen Begutachtung etabliert. Hierbei bedient man sich einer spezialisierten Software (www.testzentrale.de, Firma Hogrefe), die eine lizenzbasierte Software, ähnlich der Software für die körperliche Untersuchung, zur Verfügung stellt.

Hinterlegt sind Testkits, die sich an den APA-Guidelines orientieren und deren Evidenz geprüft ist und als hochgradig eingeschätzt wird. Mit diesen Tools sind alle relevanten Fragestellungen auf psychologischem Fachgebiet überprüfbar. Auch zur Beschwerdevalidierung stehen mehrere Tests zur Verfügung.

Vom Ablauf her ist es erforderlich, dass die Psychologen sowohl den Testbildschirm als auch (mit einer zweiten Kamera) den Probanden sehen können, um eine Verhaltensbeobachtung während der Begutachtung durchführen zu können. Auch hierfür ist ein hoher Aufwand erforderlich. Die psychologische Evaluation im Test findet – ebenso wie in der Präsenzbegutachtung – in ständiger Anwesenheit des Psychologen statt.

Im Rahmen der oben erwähnten Veranstaltung am 16. September 2026 wurde aus dem Teilnehmerkreis die Frage gestellt, ob eine Aufzeichnung des Gesprächs den Auftraggebern oder den Probanden zur Verfügung gestellt werden kann. Zur Klärung sei mitgeteilt, dass eine Aufzeichnung des Gesprächs nicht stattfindet; es werden weder Bild- noch Tonaufnahmen angefertigt.

Fazit

Zusammengefasst ergeben sich nach über dreijähriger Erfahrung mit der Telebegutachtung folgende Erkenntnisse:

  • Das Verfahren ist mittlerweile geübt und etabliert; besondere Probleme im Ablauf bestehen nicht.
  • Die Anforderungen an die Organisation, den Datenschutz und die Kompetenz der Untersucher sind allerdings hoch.
  • Es sind standortunabhängige Begutachtungen durch Spezialisten mit hoher fachlicher Kompetenz möglich.
  • Die Stärken liegen bei „sprechenden“ Fächern.
  • Besonders Verlaufsbegutachtungen sind geeignete Anwendungsfälle.
  • Eine Weiterentwicklung findet statt.
  • Die Telebegutachtung ist jedoch keine Lösung für alle gutachtlichen Fragestellungen.

 

Dr. Robert Hartel
Facharzt für Chirurgie, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

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