Die Unterschätzung der Verletzungsschwere beim Polytrauma stellt ein wesentliches Problem bei geriatrischen Patienten dar, berichtete Prof. Dr. Christian Kleber von der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Leipzig auf dem 17. Orthopädie-Unfallchirurgie-Update-Seminar am 27. und 28. Februar 2026 (online).
Die geriatrischen Patienten (älter als 70 Jahre) machen mittlerweile ein Drittel der Polytrauma-Patienten aus. Geriatrische Patienten sind vulnerabler, meist multimorbid und häufig antikoaguliert. Diese Faktoren finden in den Triage-Systemen in der Regel keine Berücksichtigung.
In einer prospektiven multizentrischen Beobachtungsstudie der Sektion Notfall- Intensiv- und Schwerstverletztenversorgung (NIS) der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (Koch, D. A. et al., Scand J Trauma Resusc Emerg Med, 2025) an 12 überregionalen Traumazentren wurden 3.753 Patienten ausgewertet; 1.371 davon waren geriatrisch. Die Aktivierung eines Schockraums erfolgte, trotz vergleichbarer Verletzungsschwere anhand des ISS, mit knapp 16 % nur halb so oft wie bei jungen Patienten (32 %). Die retrospektiv durchgeführte Triage zeigte eine Untertriagierung der geriatrischen Patienten in 54 % der Fälle. Ein akzeptabler Grenzwert liegt jedoch bei unter 5 % bis 10 %.
Typische geriatrische Verletzungen waren dabei die Kopf- und Beckenverletzungen. Die 48-Stunden-Mortalität von geriatrischen Patienten lag mit 1,8 % mehr als 3-fach über der von jungen Patienten (0,5 %). Folgende Kriterien führten bei geriatrischen Patienten besonders häufig zur Untertriagierung: Ein systolischer Blutdruck < 100 mmHg, ein GCS ≤ 14 Punkte und mehr als 2 verletzte Körperregionen.
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