Die Therapie mit sogenannten „Abnehmspritzen“ führt bei Übergewicht zu einem ausgeprägten Gewichtsverlust und hat sich als „Gamechanger“ bei Adipositas herausgestellt. Das zeigen verschiedene Studien, in denen Semaglutid bzw. Tirzepatid bei Übergewichtigen ohne Diabetes zur Gewichtsabnahme eingesetzt wurde.

Welche Konsequenzen ergeben sich aber daraus für die Praxis? Die Antwort auf diese Frage ist von großer Bedeutung, ist doch lt. dem Barmer Krankenhausreport 2025 mit dem Fokus „Adipositaschirurgie“ die Adipositas-Prävalenz in Deutschland in den letzten Jahren stetig gestiegen. Etwa 16,8 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland hatten, Ergebnissen aus dem Mikrozensus zufolge, im Jahr 2021 einen Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30 und gelten damit als adipös (Statistisches Bundesamt, 2023).

Risikofaktor Adipositas

Adipositas (sog. Fettsucht; BMI mindestens 30 kg/m2) ist nicht primär ein kosmetisches Problem, sondern führt zu einer Vielzahl von Erkrankungen, v. a. von:

  • Diabetes mellitus Typ 2: Starkes Übergewicht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes. Durch eine dauerhaft erhöhte Fettmasse reagiert der Körper zunehmend schlechter auf Insulin. In der Folge bleibt der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht. Bleibt Typ-2-Diabetes unbehandelt, kann dies langfristig zu Schäden an Blutgefäßen, Nerven, Augen, Nieren und dem Herzen führen.
  • Herz-Kreislauf-Krankheiten: Dazu gehören Krankheiten des Herzens und der Blutgefäße wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall.
  • Fettstoffwechselstörungen: Erhöhte Blutfettwerte, insbesondere LDL-Cholesterin und Triglyceride, begünstigen die Entstehung von Atherosklerose. Dadurch steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten langfristig.
  • Fettleber: Fettablagerungen in der Leber können zu Entzündungen führen und langfristig die Leberfunktion beeinträchtigen.
  • Gallensteine
  • Gicht
  • Gelenkprobleme (Arthrose): Das erhöhte Körpergewicht belastet vor allem Knie- und Hüftgelenke stärker und kann den Gelenkverschleiß beschleunigen.
  • Schlafstörungen: Adipositas kann die obstruktive Schlafapnoe begünstigen, was Herz und Kreislauf zusätzlich belastet.
  • Bestimmte Krebsarten: Adipositas steht unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Darm-, Brust- oder Speiseröhrenkrebs in Zusammenhang.
  • Depression

Die „Abnehmspritzen“: Semaglutid und Tirzepatid

Neben dem Wirkstoff Semaglutid, der zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas zugelassen ist, ist Anfang 2024 mit Tirzepatid ein weiterer Wirkstoff hinzugekommen. Wie Semaglutid ist Tirzepatid zur Adipositas-Therapie bei Personen mit einer Adipositas (BMI ≥ 30 kg/m2) oder Personen mit einem deutlichen Übergewicht (BMI ≥ 27 kg/m2) mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen wie z. B. arterieller Hypertonie, Apnoe-Syndrom, kardiovaskulären Erkrankungen, Prädiabetes und Typ-2-Diabetes zugelassen.

Inzwischen kann eine Vielzahl von Studien eindrücklich die positiven Effekte von GLP-1/GIP/Glukagon-Rezeptor-Agonisten (wie Semaglutid und Tirzepatid; sog. Inkretine) auf eine Gewichtsreduktion bei Menschen mit Adipositas mit und ohne Typ II-Diabetes belegen, berichtete Dr. Viola Andresen, Leiterin des Bauchzentrums am Medizinicum Hamburg, vor einem Jahr auf dem 33. Gastroenterologie-Update-Seminar am 28. und 29. März 2025 in Berlin.

Die „Abnehm-Spritze“ ist mittlerweile kaum noch aus den Diskussionen zum Thema Übergewicht wegzudenken, so Andresen. Dabei handelt es sich um langwirksame GLP-1-Rezeptor-Agonisten, die schon länger zur Behandlung des Typ-2-Diabetes zugelassen sind und inzwischen auch in mehreren Studien eine gute Wirksamkeit zur Gewichtsreduktion bei Übergewichtigen ohne Diabetes zeigen konnten.

Neuere Substanzen haben neben GLP-1 auch GIP (Glukoseabhängiges Insulinotropes Peptid) als Ziel (duale Agonisten) und weitere – sogenannte Tripple-Agonisten – auch zusätzlich Glukagon. Dabei zeigen aktuelle Studien, dass der duale GLP-1/GIP-Rezeptor-Agonist Tirzepatid dem alleinigen GLP-1-Rezeptor-Agonisten Semaglutid in der Wirksamkeit leicht überlegen ist.

Zudem wurden im letzten Jahr mehrere Studien publiziert, die im Zusammenhang mit der Gewichtsabnahme auch deutliche signifikante Effekte auf relevante klinische Endpunkte bzw. Komorbiditäten dieser Patienten zeigen (s. Tabelle).

Tabelle: Positive Effekte einer Therapie mit „Abnehmspritzen“ (nach Andresen, 2025)

Bereich Positive Effekte
Metabolisches Syndrom
  • Verbesserung einer Steatohepatitis (Fettleberentzündung)
Kardiovaskulär
  • Reduktion einer arteriellen Hypertonie
  • Verminderung von atherosklerotisch-bedingten Ereignissen bei Typ-2-Diabetes
  • Verbesserung einer Adipositas-assoziierten Herzinsuffizienz
  • Verringerte Rate an Vorhofflimmern bei Patienten mit Typ-2-Diabetes
  • Verbesserung einer Niereninsuffizienz bei Typ-2-Diabetes
Sonstige Adipositas-Komplikationen
  • Schmerzlinderung bei Knie-Arthrose
  • Verbesserung eines Schlafapnoe-Syndroms
  • Verminderung von Proteinen, die mit Morbus Alzheimer assoziiert sind
  • Verminderte Todesrate unter COVID-19, vor allem durch seltenere Infektions-bedingte Todesfälle

So wie die Datenlage überwältigend zeigt, dass starkes Übergewicht/Adipositas und Typ-2-Diabetes mit zahlreichen Krankheiten assoziiert sind, so können Therapieformen, die relevant und anhaltend eine Gewichtsreduktion bewirken, genau vor diesen Problemen schützen, erklärte Andresen. Dies sei in der Vergangenheit für bariatrische Operationen belegt worden und könne nun (eigentlich nicht überraschend) auch für GLP-1/GIP/Glukagon-Rezeptor-Agonisten eindrücklich nachgewiesen werden.

Probleme beim Einsatz der „Abnehmspritzen“

GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid haben zwar die Adipositas-Therapie revolutioniert; sie sind aber nicht die „Abkürzung zu Gesundheit“, erklärte Prof. Dr. Michael Ludwig von der Praxis für Frauengesundheit in Schneverdingen auf dem 17. Gynäkologie-Geburtshilfe-Update-Seminar am 27. und 28. Februar 2026 in Berlin.

Das zeigt eine aktuelle Publikation (Liu, Z. et al., J Clin Endocrinol Metab., 2025): Aktuelle Studien belegen, dass 25 % bis 40 % des Gewichtsverlusts unter GLP‑1- Agonisten und Kombinationspräparaten wie Tirzepatid auf Kosten der fettfreien Masse gehen – also genau jener Muskel- und Gewebesubstanz, die für Kraft, Mobilität und langfristige metabolische Gesundheit entscheidend ist. In den großen Zulassungsstudien entsprach das 2 kg bis 6 kg Muskelverlust – weit mehr als die normale altersbedingte Abnahme von etwa 0,8 % pro Jahr im mittleren Erwachsenenalter!

Damit droht eine paradoxe Situation: Menschen reduzieren ihr Körpergewicht und metabolisieren kurzfristig günstiger, aber sie verlieren jene Substanz, die sie vor Stürzen und Funktionsverlust schützt. Besonders ältere Patienten laufen Gefahr, schneller eine Sarkopenie zu entwickeln.

Ein zweiter „blinder Fleck“ ist die kardiorespiratorische Fitness. Sie gilt als einer der stärksten Prädiktoren für kardiovaskuläre Mortalität – stärker als Cholesterin oder Blutdruck. Doch bislang konnte in klinischen Studien keine konsistente Verbesserung gezeigt werden.

Zudem muss man einen weiteren Punkt stets vor Augen haben, so Ludwig: Wenn man während der Behandlung mit den Inkretin-Agonisten nichts an seiner körperlichen Aktivität und Ernährung ändere, werde das Gewicht mit dem Absetzen dieser Therapie wieder rasant auf den Ausgangswert steigen.

Problematisch ist zudem, dass es beim Absetzen der „Abnehmspritzen“ häufig wieder zu einem deutlichen Gewichtsanstieg bis hin zum Ausgangsgewicht kommt. Besonders negativ zu bewerten ist dabei, dass die Gewichtszunahme durch Fettgewebe bedingt ist, während die unter der Therapie verloren gegangene Muskelmasse nicht wieder aufgebaut wird.

Frage der Kostenerstattung

Eine Kostenerstattung der „Abnehmspritze“ durch die gesetzlichen Krankenkassen ist nicht zulässig, da Arzneimittel zur Regulierung des Körpergewichts nach SGB V als Lifestyle-Medikamente gelten. Im Gegensatz dazu ist eine Kostenerstattung durch die Unternehmen der privaten Krankenversicherung (PKV) prinzipiell möglich.

So führt der PKV-Verband auf seiner Website zur Frage, wer Wegovy® (Semaglutid) bzw. Mounjaro® (Tirzepatid) verordnet bekommen kann, aus:

„Die Arzneimittel werden als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und verstärkten körperlichen Aktivität zur Gewichtsregulierung, einschließlich Gewichtsabnahme und Gewichtserhaltung, angewendet. Damit ihnen Wegovy oder Mounjaro verordnet werden kann, müssen erwachsene Patientinnen und Patienten einen Ausgangs-Body-Mass-Index (BMI) von 

  •  ≥ 30 kg/m2 (Adipositas) oder
  • ≥ 27 kg/m2 bis < 30 kg/m2 (Übergewicht) mit mindestens einer gewichtsbedingte Begleiterkrankung wie Fehlregulation der glykämischen Kontrolle (Prädiabetes oder Diabetes mellitus Typ 2), Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe oder Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, die gemäß BMI-Wachstumstabelle adipös sind und zudem mindestens 60 kg wiegen, ist Wegovy zugelassen. Die Abnehmspritze wird hier ebenfalls zusätzlich zu kalorienreduzierter Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität angewendet.

Anders als die gesetzliche Krankenversicherung erstattet Ihre private Krankenversicherung eine Therapie mit Abnehmspritzen, wenn

  • Ihre Ärztin oder Ihr Arzt das Arzneimittel indikationsbezogen verordnet
  • die Therapie medizinisch notwendig ist
  • keine tariflich bedingten Ausschlüsse vorliegen.“

Auch wenn die medizinischen Kriterien erfüllt sind, hängt es letztlich von den konkreten Tarifbestimmungen des jeweiligen Versicherungsvertrages ab, ob der Versicherer zu einer Kostenerstattung verpflichtet ist, erklärte der Ombudsmann der Privaten Kranken- und Pflegeversicherung (PKV) im Tätigkeitsbericht für 2024. So sahen die Tarifbestimmungen in den an den Ombudsmann herangetragenen Schlichtungsanträgen beispielsweise vor, dass Präparate zur „Entfettung“ oder „Appetitzügelung“ nicht vom Versicherungsschutz umfasst sind. Die Versicherer stützten sich in diesen Fällen im Ergebnis zu Recht auf einen vorliegenden tariflichen Ausschluss, da sie Präparate zur Gewichtsreduzierung ausdrücklich vom Versicherungsschutz ausgeschlossen haben.

Adipositas als aktuelles Thema auf dem Internistenkongress 2026

Adipositas und deren Therapie war denn auch ein intensiv diskutiertes Thema auf dem 132. Internistenkongress vom 18. bis 21. April 2026 in Wiesbaden, wobei es durchaus nicht nur um die „Abnehmspritzen“ ging. Eine zentrale Botschaft des Kongresses lautete:

Das Paradigma, Adipositas sei eine bloße Fortsetzung von Übergewicht, gilt nicht mehr!

Denn neue Erkenntnisse aus der Stoffwechselforschung zeigen: Entscheidend für gesundheitliche Risiken ist nicht primär die Menge an Körperfett, sondern die Fähigkeit des Körpers, überschüssige Energie sicher zu speichern und im Organismus richtig zu verteilen. Ist diese Regulation gestört, wird Fett vermehrt in Organen wie der Leber abgelagert – mit weitreichenden Folgen für den gesamten Stoffwechsel.

Adipositas ist eine chronisch fortschreitende, multifaktorielle Erkrankung mit erheblichen gesundheitlichen Folgen. Gleichzeitig zeigt sich eine ausgeprägte interindividuelle Variabilität: Krankheitsverläufe, Komplikationen und Therapieansprechen unterscheiden sich erheblich, sodass verlässliche individuelle Prognosen bislang nur eingeschränkt möglich sind, berichtete der Diabetologe Prof. Dr. Michael Stumvoll, Direktor der Klinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Die Komplexität zeigt sich besonders deutlich in der begrenzten Aussagekraft einfacher Kenngrößen wie des Body-Mass-Index (BMI): Ein BMI über 30 kg/m2 definiert zwar Adipositas, bildet jedoch weder Körperzusammensetzung noch Fettverteilung ab. Entscheidend für das individuelle Risiko ist jedoch, ob Fett subkutan, viszeral oder in Organen wie der Leber gespeichert wird.

Zur genaueren Erfassung der Fettverteilung werden zunehmend differenziertere Messverfahren eingesetzt. Anthropometrische Maße wie der Taillen-Hüft-Quotient liefern erste Hinweise, erfassen jedoch keine intra-organischen Fettdepots. Insbesondere die Leber spielt eine zentrale Rolle, da sie auf Kalorienüberschuss mit Insulinresistenz und veränderter Glukoseproduktion reagiert und zugleich eng mit Stoffwechselprozessen im Darm verknüpft ist. Bildgebende Verfahren wie Elastografie oder MRT ermöglichen hier eine deutlich präzisere Analyse, bleiben jedoch aufwändig und in der Breite nur begrenzt verfügbar.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Adipositas ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Spektrum unterschiedlicher biologischer Zustände, so Stumvoll. Die aktuellen Erkenntnisse zeigen: Adipositas müsse neu gedacht werden – nicht als rein quantitative Störung, sondern als komplexes Zusammenspiel von Evolution, Gehirn, Stoffwechsel und Umwelt. Daraus ergeben sich neue Perspektiven für eine schrittweise präzisere und individuellere Medizin.

Angesichts dieser Erkenntnisse ist eine Beurteilung allein anhand des BMI, ob eine Therapie mit „Abnehmspritzen“ als medizinisch notwendig anzusehen ist, offensichtlich zu kurz gegriffen.

Die Diskussion zu Adipositas und „Abnehmspritzen“ und deren Kostenerstattung wurde in mehreren, meist gut besuchten Foren auf dem Internistenkongress engagiert geführt, denn, so einer der Referenten: „Mit welcher Berechtigung halten wir Adipösen einen Mortalitätsvorteil vor?“ Hier müsse der erste Schritt sein, die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu erreichen, forderte Prof. Dr. Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig. Allerdings bestehe angesichts des derzeit hohen Kostendrucks im Gesundheitswesen hier ein erheblicher Widerstand.

Zudem ist zu bedenken, dass es nach der Prognose von Dr. Jörg Simon vom MVZ im Altstadt-Carree in Fulda bei Einführung oral einzunehmender Inkretine, welche Injektionen überflüssig machen, zu einem „Patienten-Tsunami“ kommen wird.

Kontrovers diskutiert wurde auf dem Internistenkongress zudem die Frage, ob und ggf. unter welchen Bedingungen nach dem Erreichen einer Plateau-Phase des Gewichts mit der „Abnehmspritze“ (ca. 72 Wochen nach Therapiebeginn) diese Medikation abgesetzt werden kann.

  • So erklärte Prof. Dr. Matthias Laudes, Direktor des Instituts für Diabetologie und klinische Stoffwechselforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel sowie Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Inkretine seien als Basis-Medikamente anzusehen, die man nicht absetzen könne.
  • Dagegen führte Prof. Dr. Jens Aberle, Sektionsleiter Endokrinologie und Diabetologie am Universitären Adipositas-Centrum, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), aus, es handele sich für die meisten Patienten nicht um eine lebenslange Fortsetzung der medikamentösen Therapie. Grundlage der Adipositas-Therapie bleibe weiterhin die Lebensstil-Modifikation mit Bewegungs-, Ernährungs- und Verhaltenstherapie, auch während einer Behandlung mit GLP-1/GIP/Glukagon-Rezeptor-Agonisten. Daher sei es wichtig, rechtzeitig eine „Exit-Strategie“ festzulegen, um einen erneuten Gewichtsanstieg nach Absetzen des Präparats möglichst zu verhindern. Indiziert sei eine dauerhafte Lebensstil-Therapie zum langfristigen Gewichtserhalt.

Dr. Gerd-Marko Ostendorf
Versicherungsmediziner

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